Warum wir beim Sex oft nur funktionieren (und wie die sexuelle Meuterei beginnt)
Warum wir beim Sex so oft versuchen, Erwartungen zu erfüllen, statt unserer eigenen Lust zu folgen
Von Dr. Madita Hoy
Kurzantwort für Eilige: Warum fällt es Frauen so schwer, beim Sex zu ihrer echten Lust oder Unlust zu stehen? Die Ursache liegt tief in veralteten, patriarchalen Skripten. Frauen lernen früh, Harmonie über ihre eigenen körperlichen Grenzen zu stellen und die emotionale Verantwortung für den Partner zu übernehmen. Aus Angst vor Konflikten oder Zurückweisung entkoppeln sie sich von ihrem Körper und beginnen beim Sex bloß zu „funktionieren“. Der Weg aus dieser Leistungsfalle führt über radikale Ehrlichkeit und die Erlaubnis, jederzeit Nein sagen zu dürfen.
Vielleicht kennst du diesen Moment: Du liegst im Bett, deine Beziehungsperson berührt dich, und du reagierst genau so, wie es in dieser Situation erwartet wird. Du stöhnst, du bewegst dich mit. Es sieht aus wie Leidenschaft. Doch wenn du ganz ehrlich in dich hineinspürst, merkst du: Dein Kopf ist woanders. Du spürst keine echte Lust. Du funktionierst einfach nur.
Viele Frauen kennen dieses Phänomen, doch warum fällt es uns eigentlich so verdammt schwer, einfach zu sagen: „Nein, das fühlt sich gerade nicht richtig an“ oder „Ich habe heute keine Lust“?
Die Antwort darauf ist komplexer als ein einfaches Kommunikationsproblem. Es ist ein systemisches Thema.
Das unsichtbare Skript: Warum uns das Nein so schwerfällt
Wir leben in einer Gesellschaft, die uns von klein auf bestimmte Rollen zuweist. Das Patriarchat erzieht Frauen nicht dazu, ihre eigene, eigensinnige Lust als Maßstab der Dinge zu betrachten. Stattdessen lernen wir, dass wir gefallen sollen. Dass wir unkompliziert, begehrenswert und hingebungsvoll zu sein haben.
Ein verinnerlichtes, oft völlig unbewusstes Skript lautet: Wenn ich ihm*ihr jetzt eine Absage erteile, verletze ich sein*ihr Ego. Wir setzen ein sexuelles „Nein“ fälschlicherweise mit einem Beziehungsabbruch gleich. Aus Sorge, dass unser Gegenüber enttäuscht, abgewiesen oder sogar wütend reagieren könnte, schlucken wir unsere Unlust herunter. Wir übernehmen die emotionale Verantwortung für den Raum – auf Kosten unserer eigenen Grenzen.
Die Falle des Funktionierens: Wenn der Körper mitmacht, aber der Kopf flüchtet
Aus dieser Angst vor dem Konflikt entsteht das „Funktionieren“. Wir spalten uns von unserem Körper ab. Wir spielen die Rolle der begehrenden Frau weiter, weil es in dem Moment paradoxerweise leichter erscheint, das bekannte Standardprogramm durchzuziehen, als den Moment durch unsere Ehrlichkeit zu unterbrechen.
Typische Anzeichen für das Funktionieren beim Sex:
- Mechanische Reaktionen: Du gibst Laute von dir oder bewegst dich, um das Erlebnis deines Gegenübers zu pushen, nicht weil es aus dir selbst herauskommt.
- Gedankenkreisen: Du bist gedanklich beim Einkaufszettel, bei der Arbeit oder fragst dich, wie lange es wohl noch dauert.
- Körperliche Anspannung: Du bist extrem kitzelig oder leichte Berührungen fühlen sich plötzlich unangenehm bis störend an.
- Der „Flow“-Zwang: Du traust dich nicht, die Position zu wechseln oder um etwas anderes zu bitten, weil du die aktuelle Stimmung nicht "kaputt machen" willst.
Der Preis für diese Performance ist hoch. Jedes Mal, wenn wir funktionieren, entfernen wir uns ein Stück weiter von unserer authentischen Lust. Sex wird zu einer Dienstleistung, zu einer weiteren Aufgabe auf unserer ohnehin schon langen To-Do-Liste. Kein Wunder, dass so viele Menschen in Langzeitbeziehungen irgendwann schlichtweg keine Lust mehr auf Sex haben. Die Erschöpfung durch das ständige Performen ist enorm.
Der Mythos der „perfekten“ Konsens-Kultur
Selbst in sexuell sehr offenen Kreisen lauert eine neue Falle: Der Druck, seine Grenzen immer sofort, perfekt und eloquent kommunizieren zu müssen. Viele von uns schämen sich, wenn sie ein Nein erst im Nachhinein formulieren können. Wir denken: „Ich hätte das doch früher sagen müssen!“
Doch die Wahrheit ist: Es ist menschlich, manchmal zu erstarren. Es ist menschlich, erst später zu begreifen, dass eine Grenze überschritten wurde. Ein „Nein“ ist auch dann noch gültig und wichtig, wenn es erst am nächsten Tag ausgesprochen wird. Konsens ist keine einmalige Checkliste, sondern ein ständiges, gemeinsames Aushandeln.
Zeit für eine sexuelle Meuterei: Zurück zum Eigensinn
Wie kommen wir da raus? Der erste Schritt ist Selbstmitgefühl, zu verstehen, dass dieses Funktionieren kein individuelles Versagen ist, sondern ein strukturelles Problem. Die eignen Grenzen wahrnehmen, sich trauen sie auszusprechen und erleben, was dann passiert erfordert viele kleine Schritte aus der Komfortzone.
- Die eigene Unlust validieren: Es ist völlig okay, müde zu sein. Es ist okay, wenn wir lieber kuscheln wollen und keine Lust auf sexuelle Handlung haben. Auch mit unserem Nein sind wir liebenswert.
- Das Unwohlsein aushalten: Wir müssen üben, ein Nein auszusprechen und die kurze, unangenehme Stille danach auszuhalten, ohne sofort wieder in die gefällige Harmonie-Rolle zu kippen.
- Den Fokus verschieben: Weg von der Frage „Wie sehe ich dabei aus / Wie performe ich?“ hin zu „Wie fühlt sich das gerade in meinem Körper an?“.
Das erfordert Mut. Wenn wir aufhören zu funktionieren, kann das bestehende Beziehungsdynamiken ordentlich durchschütteln. Aber es ist der Weg der sich lohnt, um Platz für echte, tiefe und vor allem eigene Lust zu schaffen.
Entdecke dein eigenes Drehbuch
Um diese Muster aufzubrechen, hilft es enorm, zu sehen, dass wir mit unseren Erfahrungen nicht allein sind. Genau aus diesem Grund habe ich das Buch „Aufruf zur sexuellen Meuterei“ herausgebracht.
Darin teile ich nicht nur meine eigene Reise aus der Leistungsfalle. 23 Frauen berichten schonungslos ehrlich davon, was passiert, wenn man sich traut, echt zu sein. Sie erzählen von den schwierigen Momenten der Erkenntnis, aber vor allem von der unglaublichen Verspieltheit und Intimität, die entsteht, wenn wir trauen uns zu zeigen. Das Buch ist eine Mischung aus wahren Geschichten und einem Journal mit Reflexionsfragen – dein persönlicher Komplize, um die alten Skripte über Bord zu werfen.
Bist du bereit, aufzuhören zu funktionieren?