Mehr Lust durch sexuelle Kommunikation: Vom Neinsagen zum Ja! fühlen
Wie Kommunikation sexuelle Lust steigert – und warum sie oft so schwerfällt
Wir alle haben eine Idee davon, was guter Sex ist: intuitiv, leidenschaftlich, ohne Worte – vielleicht sogar fast magisch. Aber wenn wir ehrlich sind, wissen wir auch: So läuft es selten.
Studien zeigen, dass bis zu 80 % der Menschen Schwierigkeiten haben, offen über Sexualität zu sprechen. Gleichzeitig berichten Paare, die regelmäßig über ihre Sexualität sprechen, von mehr Lust, Zufriedenheit und Erfüllung.
Warum also fällt es uns oft so schwer? Und was kann uns helfen, offener, ehrlicher und genussvoller über Sex zu kommunizieren?
Reflektionsfragen: Wie bewusst bist du in deiner sexuellen Kommunikation?
- Denke an eine Situation, in der du von deiner Beziehungsperson berührt wurdest, aber es fühlte sich nicht wirklich gut an. Wie leicht ist es dir in dem Moment gefallen, zu kommunizieren, was du brauchst?
- Und wie ist es umgekehrt? Wann hast du das letzte Mal Kritik, Ablehnung oder ein Nein beim Sex gehört? Was hat das in dir ausgelöst?
- Was glaubst du: Wie viel von deinen erotischen Fantasien und Wünschen kennt deine Beziehungsperson? Gibt es etwas, das du gerne machen würdest, aber noch nicht verraten hast?
- Was glaubst du, wie gut du deine eigene Sexualität kennst? Gibt es noch unentdeckte Facetten?
Die häufigsten Kommunikationshürden
Vielleicht hast du eine Situation im Kopf, in der dir die Kommunikation über Sexualität schwergefallen ist. Woran lag das? Typische Themen sind:
- Angst, das Gegenüber zu verletzen
- Sorge, die Stimmung zu verderben
- Furcht vor Zurückweisung oder Scham
- Die Annahme, dass deine Beziehungsperson ja schon weiß, was dir gefällt
- Unsicherheit, was du überhaupt willst
- Fehlende Übung und Vorbilder: Wie und wann spreche ich Wünsche und Bedürfnisse aus? Welche Worte verwende ich?
Zwischen „Hell Yes!“ und „Geht so“ – Die Schattierungen von Consent
Zustimmung, ist ein zentrales Thema der sexuellen Kommunikation. Doch oft ist es nicht einfach nur ein klares „Ja“ oder „Nein“.
Stellen wir uns eine Skala von 0 bis 100 % vor:
- 100 %: „Hell Yes!“ – Jede Faser deines Körpers will diese Berührung, diesen Kuss, diese Bewegung.
- 50 %: „Ich weiß nicht …“ – Vielleicht sagt dein Kopf: „Wir sollten mal wieder.“ Dein Körper fühlt sich aber nicht ganz bereit.
- 10 %: „Eigentlich lieber nicht …“ – Da ist keine Lust, Zustimmung findet hier z. B. aus Pflichtgefühl statt.
Besonders in längeren Beziehungen kann sich ein Mittelbereich von „Geht so“ einschleichen – Sex, den man nicht richtig fühlt, aber auch nicht ablehnt. Routine, Zeitmangel und Alltag können dazu führen, dass wir dazu neigen, regelmäßig schon bei 65 % Lust Ja zu sagen – vor allem, wenn das Gegenüber ein stärkeres Bedürfnis nach Sex hat. Das kann auf Dauer Lust und Verbindung schmälern. Trau dich häufiger Nein zu sagen, das kann helfen, wieder ein echtes Ja! zu fühlen.
Wichtig ist auch: Immer das „Hell Yes!“ anzustreben, kann Leistungsdruck schüren. Es ist auch in Ordnung, wenn wir etwas für unsere Beziehungsperson tun – und das ist schön, solange wir uns dabei und danach gut fühlen und gerne geben. Ein Reality-Check, wer gerade eigentlich gibt und wer bekommt, kann sehr hilfreich sein. Denn nicht immer ist die gebende Person diejenige, die gerade aktiv handelt.
Wer bekommt hier eigentlich das Geschenk? Ein häufiges Missverständnis
Ein Beispiel: Ein Mann streichelt die Brüste seiner Partnerin und denkt, er tut ihr damit etwas Gutes – aber genießt sie es wirklich, oder tut sie es für ihn?
Hier hilft das Wheel of Consent®:
- Er fragt: „Darf ich deine Brust berühren?“ → Er möchte etwas für sich tun. Sie gibt die Erlaubnis.
- Sie fragt: „Würdest du meine Brüste streicheln?“ → Sie wünscht sich etwas. Er gibt es ihr.
Solche feinen Unterschiede bewusst wahrzunehmen, kann die sexuelle Verbindung vertiefen.
10 Tipps für eine bessere Kommunikation über Sexualität:
- Nutze Ich-Botschaften: „Ich würde mir wünschen, dass …“ statt „Du machst immer …“
- Sei neugierig, ermutigend und stelle Fragen: „Spannend, das hab ich gar nicht bemerkt.“ „Kannst du mir das genauer erklären?“ „Danke fürs Teilen.“
- Höre zu, ohne dich zu rechtfertigen: Bedanke dich für Kritik und Grenzen. Frage nach, wenn du etwas nicht verstehst.
- Übernehme Verantwortung: Sprich über deine Wünsche und Grenzen und erwarte nicht, dass andere sie erraten.
- Sei mutig und unverschämt: Trau dich, nach dem zu fragen, was du dir wünschst, auch wenn es sich gewagt anfühlt.
- Sei lieb zu dir selbst: Es ist normal, wenn es dir manchmal nicht gelingt, deine Bedürfnisse zu kommunizieren.
- Erlaube dir, zu experimentieren: Du darfst dir etwas wünschen, merken, dass es dir doch nicht gefällt, und im nächsten Moment etwas anderes wünschen.
- Geh auf die Meta-Ebene: Falls das Reden über Sex schwerfällt, sprecht zuerst darüber, warum es schwerfällt.
- Nicht alles muss gesagt werden: Du hast eine total abgefahrene Fantasie und bist unsicher, wie dein Gegenüber darauf reagiert? Achte auf dein Bauchgefühl und beginne vielleicht mit etwas Kleinerem.
- Macht es spielerisch: Ein Kartenspiel wie Curious Touch kann helfen, Gespräche mit Leichtigkeit zu beginnen.
Über die Autorin: Dr. Madita Hoy ist Psychologin und hat als Sexualwissenschaftlerin sieben Jahre dazu geforscht, was eine erfüllte Sexualität ausmacht. Ihr Schwerpunkt liegt auf weiblichen Bedürfnissen in der Sexualität. Als Spieleautorin verbindet sie wissenschaftliche Expertise mit praxisnahen Erfahrungen aus Workshops der sexpositiven Szene.